|
»Es war ein bemerkenswerter Abend« so schreibt das Weilheimer Tagblatt. Und
das war es auch! Dieter Janecek (Landesvorsitzender der Grünen Bayern) diskutierte mit Unternehmern über unsere dogmatisierte Wachstumsgesellschaft.

Text:
Weilheim - Es war ein bemerkenswerter Abend: Nicht nur weil Politiker und Unternehmer eingestanden, dass sie eben auf nicht alles eine Antwort haben. Zum Beispiel auf die Frage, "Ist Wachstum nötig, um Wohlstand zu erreichen?" Diese durchaus nicht rhetorisch gemeinte Frage zog sich wie ein roter Faden durch einen Abend unter anderem mit dem Grünen-Landesvorsitzenden Dieter Janecek, Bio-Unternehmer Michael Sendl aus Weilheim, Ingo Martin (Geschäftsführer "SES 21 AG") aus Oderding, Lucia Egner, Landwirtin und BDM-Aktivistin aus Egenried, Dr. Andreas Knetz, Krankenhaus Weilheim, Prof. Dr. Stephan Emeis, Klimaforscher, oder Heiko Folkers, Architekt, Weilheim.
Egner konnte die Frage nach Wohlstand und Wachstum aus Sicht einer Landwirtin leicht beantworten: Für Bauern besteht da längst kein Zusammenhang mehr, so schnell können Höfe gar nicht wachsen wie der Milchpreis sinkt. Traditionsgemäß stehen auch die Grünen dem Begriff "Wachstum" kritisch gegenüber, gleichwohl haben sie ihn seinerzeit auch in den rot-grünen Koalitionsvertrag von 1998 geschrieben, wie Janecek erinnert.
Janecek hatte das Roundtable-Gespräch in einem Internetblog angeregt und im Weilheimer Grünen-Kreisrat Marcus Reichenberg einen Gastgeber gefunden. Die Erkenntnisse, die an solchen Abenden gewonnen werden, sollen auch in die Parteiarbeit einfließen. Für den Landesvorsitzenden sind die Grenzen des überkommenen Wachstumsbegriffs, der sich ausschließlich an der Wirtschaftsleistung misst, längst erreicht. Wachstum werde es weiter geben, zum Beispiel beim Anteil der erneuerbaren Energien. Auch Wohlstand und das Streben danach wird es weiter geben, allerdings muss sich Wohlstand nicht am Bankkonto des Einzelnen oder am Bruttosozialprodukt eines Staates messen. Wohlstand könne ja auch ganz einfach "Lebensqualität sein", so Janecek, der dafür einen "geistigen Klimawandel" voraussetzt.
Die derzeitige Stärke der Grünen - Parteipolitik war an diesem Abend ansonsten kein Thema - mit bundesweit 17 Prozent bei Meinungsumfragen sieht Janecek vor allem in der Frustration der Menschen und deren Suche nach Veränderung begründet. Das Stimmungshoch führen die Grünen aber auch auf etwas anderes zurück: Sie haben anders als in früheren Jahren keine Verzichtsdebatte angestoßen - wie seinerzeit beim Benzin(preis). Das unterstützte auch Solar-Unternehmer Martin: Weder moralinsaure Diskussionen noch Schwarz-Weiß-Malerei animierten zum Umdenken: "Wir müssen die Leute mitnehmen", so Martin.
Bio Unternehmer Sendl will eine neue Geld- und Finanzstruktur "ohne Hedgefonds, aber auch ohne rote Fahnen". Wie das gehen soll, weiß er nicht: "Dazu braucht es einen klugen Kopf."
Gemeinsam begaben sich die Diskutierenden dann auf die Suche nach dem "gelobten Land" - ohne Turbokapitalismus, aber mit Entschleunigung, mit Werten und Wertschätzung, mit regionalen Wirtschaftskreisläufen und einem Bundestag zur Hälfte ohne Parteienvertreter. Wie der Weg dorthin führt, durch mehr oder durch weniger Regulierung - darüber war man sich an diesem bemerkenswerten Abend dann schon nicht mehr so einig.
geschrieben für den Münchner Merkur von Johannes Thoma
Anmerkung: Das wäre mir ein demokratisches Anliegen, dafür zu kämpfen, dass der Bundestag zukünftig nicht nur von Parteienvertretern besetzt ist. Meinen Vorschlag, Direktkandidaten in den Bundestag wählen zu können, würde ich gerne in die Wachstumsdebatte mit einfließen lassen!

|