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Marcus Reichenberg, Weilheimer Lokalpolitiker, strebt keine Posten an, sondern die Veränderung
von Alfred Schubert (Artikel zum Download - PDF)
Weilheim - Der Besprechungsraum von Marcus Reichenberg wirkt spartanisch. Der große ovale Tisch mit seinen zehn Stühlen dominiert den Raum, ihm gegenüber ist eine kleine Sitzecke, drei Türen führen weiter. Und überall liegen Steine - bunte, geschliffene, unförmige graue und ein Brocken mit mit millimeterstarken Kohleflözen. Große Fensterflächen lassen viel Sonnenlicht in den Raum.
Reichenberg kommt aus der mittleren Tür, ein großes Blatt in der Hand. "Ich habe noch nie einen Lebenslauf geschrieben", so seine Erklärung zu dem Papier, das mit "Vita" über schrieben ist. Seit dem Abschluss seiner Ausbildung vor 14 Jahren ist der heute 34-Jährige selbständig. Neben seiner Haupttätigkeit in der Versicherungsbranche hat er Ausbildungen zum Energieberater und Solarteur gemacht und ist politisch engagiert.
"Warum ich so ticke, wie ich ticke?", übersetzt er die Frage, wie er zu seinen vielfältigen Aktivitäten gekommen ist. Und antwortet: "Mein Vater ist an allem schuld." Der hat ihn immer "mit raus in die Natur genommen." Mit 14 hat er die Fischereiprüfung gemacht, mit 19 die Jagdprüfung. "Der Schulranzen war bloß Last", stellt er rückblickend fest.
Das Interesse für die Natur und die Zusammenhänge in ihr wuchs im Wald hinter der Hardtsiedlung. Aber zunächst stand der Beruf im Vordergrund. 1996 Versicherungskaufmann, 1998 Versicherungsfachwirt, 2000 ins Geschäft des Vaters eingestiegen. "Der Beruf macht mir Spaß, aber die Berufung darf auch nicht zu kurz kommen." die Berufung war und ist das politische Engagement. Er war in der Jungen Union und der CSU, zuletzt als stellvertretender Vorsitzender des Weilheimer Ortsverbands.
Der 1. Mai 1999 war der entscheidende Tag im Leben von Marcus Reichenberg. Er war bei der Eröffnung der ersten Wasserstofftankstelle in Deutschland am Münchner Flughafen. "Das ist es", war damals seine Reaktion, eine Zeichnung in seinem Büro erinnert an diese Zeit. Mit Sonnenenergie Wasserstoff erzeugen und den dann dorthin leiten, wo Energie gebraucht wird. Die Erde als Perpetuum mobile, "die Vision, dass wir das schaffen" - das war es, was Reichenberg antrieb und antreibt. Er wollte der Nachwelt keine "verbrannte Erde" hinterlassen, sondern sich für nachhaltiges Wirtschaften einsetzen. Deshalb machte er auch bei der Gründung der lokalen "Agenda 21" mit.
Irgendwann hat er dann festgestellt, dass er auf der politischen Ebene nicht weiterkommt. Das Weiterkommen bezog sich nicht auf seine Karriere in der CSU, sondern auf das Erreichen seiner Ziele. Er zog die Konsequenz und trat aus der Partei aus, um seinen Weg zu gehen. für diesen gab es nur eine Möglichkeit. Reichenberg trat bei "Bündnis 90/Die Grünen" ein. Für diese hält er einen Sitz im Kreistag und kandidierte für den Bundestag. "Das Amt an sich interessiert mich nicht", erklärt er sein Engagement, aber "es gibt einem die Möglichkeit etwas zu verändern". Und verändern will er viel. Eine Energiewende soll es geben, nicht nur lokal, sondern global. Aber nicht, indem "wir hier nachwachsende Rohstoffe tanken und dafür anderswo die Urwälder abholzen".
Seine Vision ist eine andere: Einsparen steht an erster Stelle, die Effizienz von Anlagen erhöhen an zweiter. Und was dann noch nötig ist, soll regenerativ sein.
Von Rückschlägen lässt er sich nicht entmutigen. Einen solchen erfuhr er an der Rapsöltankstelle in Oderding. 20.000 Liter reines Pflanzenöl wurden dort zu besten Zeiten pro Monat verkauft, heute sind es noch 500 Liter. Den Grund dafür sieht Reichenberg in der Steuerpolitik. Es fehlten verlässliche Rahmenbedingungen für nachwachsende Treibstoffe. Eine Verfassungsklage soll die Lage ändern. Inzwischen lässt er die Tankstelle stehen: - "als Mahnmal". Außerdem hofft der Kaufmann auf eine marktwirtschaftliche Lösung: "Irgendwann wird das Rohöl schon wieder teurer."
Trotz seines Engagements hat Reichenberg auch ein Privatleben. Das schafft er sich, indem er auswählt: "Früher konnte ich noch alles machen", das gehe jetzt nicht mehr. "Jedesmal, wenn ich den E-Mail-Kasten aufmache, graust mir", stellt er zur Informationsflut fest. Prioritäten setzen sei jetzt gefragt. Der Genießer italienischer Lebensart organisiert "bei einem guten italienischen Cappuccino" seinen Arbeitstag so, dass ihm noch etwas Zeit für seine Familie bleibt - seine Lebenspartnerin, mit der er seit 15 Jahren zusammenlebt, und seine beiden Kinder.
"Reisen ist was wunderbares", meint der Nicht-Flieger, "einmal im Jahr sollte man für 14 Tage raus können. Und alle zehn Jahre eine große Reise, das reicht". Neben Italien interessieren ihn auch Island und Alaska - das eine wegen der Geologie, das andere wegen der Tierwelt. Und natürlich Afrika, "weil dort der Ursprung ist".
Earth-Perpetuum-Mobile (R)

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